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19.02.2014

Adipositasmanagement – eine Last für die Pflege?

Es ist eine besorgniserregende Entwicklung, die Hälfte der Deutschen ist zu dick – jeder fünfte sogar fettleibig. Zehn Millionen Frauen und neun Millionen Männer leiden an extremem Übergewicht. Hoher Blutdruck, Diabetes, Herzkreislauferkrankungen und Gelenkschäden gehören zu den häufigen Folge-und Begleiterkrankungen. Die Tendenz ist steigend - Kliniken müssen sich auf diese schwergewichtigen Patienten einstellen.

Es ist eine besorgniserregende Entwicklung, die Hälfte der Deutschen ist zu dick – jeder fünfte sogar fettleibig. Zehn Millionen Frauen und neun Millionen Männer leiden an extremem Übergewicht. Hoher Blutdruck, Diabetes, Herzkreislauferkrankungen und Gelenkschäden gehören zu den häufigen Folge-und Begleiterkrankungen. Die Tendenz ist steigend - Kliniken müssen sich auf diese schwergewichtigen Patienten einstellen.

 

Die Pflegedirektorin des CaritasKlinkums, Ursula Hubertus stellte die Herausforderungen, die mit diesen besonderen Patienten einhergehen, in den Focus des Pflegesymposiums am Freitag, den 7. Februar. „Wir müssen das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten“, so die Pflegedirektorin. Klinikbetten und OP-Tische hielten nur ein begrenztes Gewicht aus, Wundversorgung wie die reine Körperpflege seien im wahrsten Sinn des Wortes erschwert – und „die wachsende Zahl fettleibiger Patienten ist besorgniserregend“.

 

Unisono erklärten alle Referenten des Symposiums „die Behandlung dieser Patienten ist keine Last, sondern eine Herausforderung!“

 

Allein am CaritasKlinikum Saarbrücken St. Theresia, waren in den vergangenen zwei Jahren fast 600 adipöse Menschen, mit einem Body-Mass-Index von über 40, in stationärer Behandlung. Die Zahl derer, die einen Index von 30 überschreiten, lag bei fast 3000. Und mit dem Aufwand steigen die Kosten.

 

Auch das Gesundheits-und Sozialministerium des Saarlandes ist bemüht, der wachsenden Zahl adipöser Saarländer entgegenzuwirken. Staatssekretärin Gaby Schäfer bezeichnete die Problematik als zentrales Anliegen der Landesregierung. „Wir brauchen Lösungsmöglichkeiten, Pflegerinnen und Pfleger sind enorm belastet, sie müssen häufig mehr heben als ein Bauarbeiter“, so die Staatssekretärin wörtlich. Auch die Finanzierungslücke durch Mehrkosten bei adipösen Patienten sei erkannt, man müsse durch Prävention der Fettleibigkeit zuvorkommen, denn sie entstehe aus Fehlernährung und Bewegungsmangel. „Dazu hat die Landesregierung bereits zahlreiche langfristige Projekte in Auftrag gegeben, zum Beispiel „das Saarland lebt gesund“.

 

Alle Krankenhäuser suchen nach Wegen, den betroffenen Patienten zu helfen.

 

Professor Dr. Ralf Metzger, Chefarzt der Klinik für Allgemein-,Viszeral-, Thorax und Tumorchirurgie stellte den Zusammenhang zwischen erhöhtem Operationsrisiko und Adipositas dar. „Die Patienten sind häufig Kandidaten für die Intensivstation, weil sie beatmet werden müssen, unter Bluthochdruck und vor allem unter Wundheilungsstörungen leiden.“ Adipositas sei nicht eine einzige Krankheit, sie bestünde aus vielen, so der Chefchirurg. Auch die wachsende Rate der Speiseröhrenkarzinome macht ihm Sorge, als ein Mitauslöser gilt auch hier übermäßiges Essen. Das CaritasKlinikum Saarbrücken verfüge zwar für schwergewichtige Patienten über entsprechende OP-Tische, im Einzelfall sollte aber eine Einweisung an eine dafür zertifizierte Spezialklinik erfolgen.

 

Mit der Medizinforschung verweist Professor Metzger auf ein Paradox, welches die wissenschaftliche Fachzeitschrift Annals of Surgery veröffentlicht hat. Für eine Studie wurden die Daten von operierten Patienten mit unterschiedlichem Gewicht ausgewertet. Die adipösen Patienten hatten die höchste Überlebenschance, höher als Normalgewichtige, leicht untergewichtige Patienten hatten die höchste Sterberate.

 

Und noch etwas stellt der Chefchirurg heraus: “für mein Team und mich stellen diese Patienten keine Last dar – sie sind eine Herausforderung.“

 

Adipositas mündet häufig in Herz- und Gefäßerkrankungen. „Jede zweite Notaufnahme in einer Klinik ist durch eine Herzinsuffizienz verursacht: Und das Risiko an einer kardio-vaskulären Erkrankung zu sterben, steigt proportional zur Fettleibigkeit“, erklärt Priv.-Doz. Magnus Baumhäkel, Oberarzt der Klinik für Interventionelle Kardiologie und Angiologie. Baumhäkel stellte mehrere Studien vor, welche die Entwicklung beim Krankheitsverlauf von schwergewichtigen Patienten aufzeigen. Zusammenfassend sei gesagt, mit dem Gewicht steige das Risiko für das sogenannte metabolische Syndrom - also das Zusammenspiel von Erkrankungen des Herz-und Gefäßsystems, Diabetes Mellitus, Bluthochdruck und veränderten Blutfettwerten. Ein komplexes Krankheitsbild, entstanden durch permanente Überernährung und Bewegungsmangel. Schaffen es die Patienten aber, ihr Gewicht zu reduzieren, normalisieren sich diese Werte auch wieder. Auch die Kardiologie konstatiert das Paradoxon zwischen Adipositas und Überlebenschance. So wiesen epidemiologische Studien bei einigen Herzerkrankungen eine höhere Lebenserwartung für adipöse Patienten aus als für Normalgewichtige.

 

Wie sich die Pflegerinnen und Pfleger bestmöglich auf die veränderten Anforderungen einstellen müssen, darüber referierte Agnes Hernig-Kuhn, Lehrkraft für Gesundheitsfachberufe am Schulzentrum St. Hildegard. Sie schickte voraus: „Adipöse Patienten erfordern und brauchen mehr Zeit. Sie sind in ihrer Beweglichkeit massiv eingeschränkt, daraus entsteht schnell Dekubitus, das Wundliegen. Der komplette Heilungsprozess ist sehr viel schwieriger, dazu kommen Atmungsbeeinträchtigungen und eine erhöhte Thrombosegefahr.“ Ganz wichtig sei die Pflegeintensität und natürlich Empathiefähigkeit für jeden einzelnen Patienten. Es gelte Vorurteile gegen adipöse Menschen im eigenen Verhalten zu erkennen und abzubauen - und erst dann dem Patienten selbst eine Verhaltensänderung nahezulegen.

 

„Die Pflege muss mit Kopf, Herz und Verstand passieren“, betonte Agnes Hernig-Kuhn und erläuterte verschiedene Vorgehensweisen, wie zum Beispiel die Analyse „Fördernde Prozesspflege nach Krohwinkel und die Pflegeinterventionen um Thrombose, Dekubitus und Kontrakturen entgegenzuwirken.

 

Die Erfahrungen eines speziellen Adipositas-Zentrums beschrieb Kirsten Osterkamp vom Evangelischen Krankenhaus in Zweibrücken. „Die Klientel galt immer als sehr problematisch. allein schon Blutdruckmanschette, Kanülen, Waage, Betten, WC-Stuhl, Rollstuhl, Gehwagen, OP-Hemden, OP-Hose, ATS und vieles mehr muss in Größe XXL vorhanden sein“, zählt Kirsten Osterkamp auf. Ganz wichtig war es, bestehende Vorurteile der Mitarbeiter den adipösen Patienten gegenüber, abzubauen. Die Teams wurden aufgestockt, zwei Pflegefachkräfte gleichzeitig kümmern sich um einen dieser Patienten. Als immer mehr Patienten kamen und das Zentrum bereits zum zweiten Mal zertifiziert war, kehrte Routine ein. Im Jahr 2012 gab es bereits über 100 Operationen an fettleibigen Patienten. „Der OP selbst ist für extrem schwere Patienten eingerichtet, außerdem besetzen wir zur Sicherheit der Patienten die Anästhesie immer mit zwei Teams“, betont Kirsten Osterkamp. Das ganze Haus ist auf „mehr Gewicht“ eingestellt, die Zimmerdecken sind verstärkt, die Nasszellen mit Bad und Dusche größer. Viele Patienten nutzen auch die hauseigene Ernährungs- oder Diätberatung, die Selbsthilfegruppe im Haus macht das Angebot komplett.

 

„Zeigt uns, dass wir genauso Menschen sind, wie andere auch – und behandelt uns auch so!“ Carla Barra gründete die Adipositas Selbsthilfe Saar. Sie schilderte ihre persönliche Erfahrung und ihre Gefühle als adipöse Patientin. Auch sie hörte „Sie sind zu schwer für den OP-Tisch“ und „für Sie gibt es keine passenden OP-Kittel und Thrombosestrümpfe“.

 

Seit ihrer Kindheit war Carla Barra zu dick. Keine der unzähligen Diäten brachte dauerhaften Erfolg - stattdessen kamen durch den JoJo-Effekt immer mehr Kilos dazu.

 

Eine falsche Medikamenteneinnahme führte Carla Barra als Notfall in eine Klinik. Eine dringend gebotene Herzkatheteruntersuchung musste abgesagt werden, mit der Begründung. „Sie sind für den Tisch zu schwer.“ Das brachte für die Mutter von drei (schlanken) Kindern die Wende. Sie entschloss sich zu einer Magenband-OP und innerhalb von 18 Monaten nahm sie über 90 Kilo ab. Parallel gründete sie die Selbsthilfegruppe, denn „der Austausch ist besonders wichtig.“ Heute hat Carla Barra Normalgewicht und kennt ein Sättigungsgefühl. Hierbei half auch ein Magenbypass, der 2011 gelegt wurde. „Es ist eine neue Lebensqualität“.

 

Am Nachmittag bestand die Möglichkeit, an folgenden Workshops teilzunehmen.

 

Workshop 1: Transfertechniken und Hilfsmitteleinsatz bei adipösen Patienten

Referenten sind Jochen Six und Kristina Schmidt, beide Physiotherapie CaraVita

 

Workshop 2: Diabetesberatung bei adipösen Patienten

Referentin Lena Eichhorn, Diabetesberaterin(DDG)

 

Workshop 3: Intertrigoversorgung aus Sicht des Wundexperten

Referent Klaus Beck, zertifizierter Wundexperte